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Was haben „Abgrenzen“ und „Wachsen“ miteinander zu tun?

Abgrenzen

Hände hoch! Das ist ein Überfall!

Du zuckst zusammen. Der Schreck fährt dir in die Glieder. Du spürst das Gefühl richtiggehend körperlich. Dabei will dich gar niemand überfallen – und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass es demnächst jemand versuchen wird.

Bis gerade eben hast du gemütlich am Tisch gesessen. Es war angenehm. Um dich herum waren nette Menschen. Ihr habt euch unterhalten. Du hast aktiv am Gespräch teilgenommen, hast zugehört, warst aufmerksam und präsent. Ihr habt gelacht. Du hast dich gut gefühlt.

Aber dann ist was passiert! Du weißt nicht genau was es war. Das gute Gefühl war plötzlich weg und du fühltest etwas anderes: Vielleicht einen Stich, eine Enge, eine Einschränkung, …

Vielleicht fühlte es sich so an,

  • als ob dich tatsächlich jemand anschreit und überfallen will.
  • als ob dich jemand hinterrücks angreift.
  • als ob etwas deine unsichtbare Schutzschicht durchbricht.

Vielleicht hast du dich gefühlt, wie sich das Fruchtfleisch eines Apfels fühlt, wenn ein Messer ganz langsam durch seine Schale dringt.

Nennen könnte man solche oder ähnliche Gefühle vielleicht „das Gefühl, dass jemand deine Grenze übertritt“ oder „das Gefühl, dass jemand dir zu Nahe tritt.“

Kennst du diese Situation? Und die Gefühle dabei?

Dann lies weiter. In diesem Artikel erfährst du

  • auf welchen Ebenen Grenzen übertreten werden können.
  • wie du weniger emotional reagieren kannst.
  • wie du die Situation für deine Weiterentwicklung nutzt.
  • wie du dich gewaltfrei abgrenzt und sachlich deinen Standpunkt vertrittst.

Grenzübertritt auf mehreren Ebenen

Grenzübertritte können sowohl auf der rein physischen als auch auf der emotionalen, mentalen oder energetischen Ebene erfolgen. Die Ebenen sind natürlich untereinander verbunden.

So wird z. B. nicht nur körperlicher, sondern auch emotionaler Schmerz ausgelöst, wenn jemand deine Grenze auf der physischen Ebene überschreitet. Also: dich körperlich angreift!

Stell dir vor: Du läufst nachts alleine nach Hause. Es ist dunkel. Plötzlich hörst du ein Geräusch…

Und selbst ohne dass dich jemand angreift, bekommst du plötzlich Angst! Emotionaler Schmerz ist ein Überbegriff für all diese Gefühle. Würde dich tatsächlich jemand angreifen, wäre da ein ganzes Gefühls-Misch-Masch in dir. Eben emotionale Schmerzen.

Außerdem würde sich dein Energiestatus verändern. Zuerst käme ein Adrenalinstoß. Der würde dir dabei helfen, dich gegen die Gefahr zu wehren, abzuhauen oder dich tot zu stellen. Und sobald die Gefahr vorüber wäre und die Wirkung des Adrenalins nachließe, würdest du dich schwach, müde und erholungsbedürftig fühlen. Du wärst einfach „platt“. Wenn du als Kind Opfer körperlicher Übergriffe geworden bist, kannst du dich vielleicht noch gut an die Energielosigkeit erinnern, die du danach wahrgenommen hast.

Abgrenzen I: Die spontane Abwehr

Durch den emotionalen Schmerz in dir kommt eine Kettenreaktion in Gang. Das Ergebnis:

Der instinktive Impuls zur Abwehr!

Die Art der spontanen Abwehrreaktion hängt von der Art und der Intensität des Gefühls ab, dass der Angriff in dir auslöst.

Wenn du z. B. starke Wut spürst, willst du deinem gegenüber vielleicht direkt eine scheuern. Frei nach dem Motto „Gewalt erzeugt Gegengewalt“.

Obwohl der Angriff vielleicht objektiv betrachtet gar nicht so schlimm war. Entscheidend für die Abwehrreaktion ist deine individuelle Wahrnehmung. Und außerdem gilt: Je spontaner du einem Gefühl nachgibst, desto intensiver verläuft deine Abwehr – die dann auch eher ein Gegenangriff sein kann. Würdest du z. B. deinem gegenüber eine scheuern, würde man das eine Überreaktion nennen.

Sich spontan gegen einen Angriff zu wehren hat den Vorteil, dass der Grenzübertritt sofort relativiert wird. Weil du aktiv wirst, verlässt du die Opferrolle und wirst wieder zum Meister deines Schicksals. Dadurch befreist du dich von den Gefühlen der Machtlosigkeit und der Fremdbestimmung.

Nachteil ist, dass man zum überreagieren neigt, solange die Gefühle in einem toben. Deshalb ist es besser, die zuerst in den Griff zu bekommen. Wenn du sehr wütend bist könntest du beispielsweise zuerst den Raum verlassen und diese Atemübung praktizieren oder dich an der frischen Luft unter Ausschluss der Öffentlichkeit austoben. Denn besser ist es natürlich, es dem Angreifer nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen. Denn eines musst du dir immer vor Augen halten:

Deine Mitmenschen sind nicht da, um dich glücklich zu machen. Sie sollen dir dabei helfen, bewusster zu werden.

Dein Gefühl macht dir nur deinen inneren Konflikt bewusst.

Da war er schon vor der Auseinandersetzung mit deinem Gegenüber.

Versuch also auf folgende Punkte zu achten, wenn dich deine Gefühle mehr oder weniger übermannen und du dich spontan abgrenzt:

  • Atme dreimal tief ein- und aus
  • Stell dir den anderen als sechsjähriges Kind vor
  • Wähle deine Worte sorgfältig
  • Bleib fair – auch wenn du den anderen als unfair empfindest

Wenn du nichts sagen willst, kannst du dich auch nonverbal abgrenzen:

  • Verschränke deine Arme vor der Brust
  • Stelle die Füße flach auf den Boden und lasse sie sich berühren

Igle dich sozusagen ein. So verlierst du keine Energie.

Den Grenzübertritt in zwei Schritten zur Weiterentwicklung nutzen

Wie gesagt kannst du den Grenzübertritt als Chance nutzen, um

  • deine inneren Konflikte zu lösen.
  • dich selbst besser kennen zu lernen.
  • dich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Dazu musst du den pauschalen, emotionalen Schmerz genauer anschauen und untersuchen. Das geht in zwei Schritten:

Im ersten Schritt hörst du dazu in dich hinein und wirst dir deiner Gefühle bewusst.

Dazu kannst du dir selbst folgende Fragen stellen:

  • Welches Gefühl macht sich in mir breit?
  • Was lösen die Worte in mir aus?
  • Wie kann ich mein Gefühl am besten beschreiben?
  • Ist da Angst, Wut, Trauer, Zorn, Mitleid, Hoffnungslosigkeit, Minderwertigkeit,…?

Es gibt sicher Menschen, denen dieses „In-Sich-Hineinhören“ leicht fällt. Anderen fällt es schwerer, ihre Gefühle „auseinanderzupfriemeln“ und klar zu sehen.

Im Alltag werden sich die Gefühle bei solchen Angriffen unterscheiden. Und zwar von Fall zu Fall recht deutlich oder aber auch nur in Nuancen.

Im zweiten Schritt ergründest du die Ursachen deiner Gefühle. Dazu ordnest du dein Gefühlschaos am besten schriftlich. Vielleicht hast du ein Tagebuch. Sonst geht auch ein blütenweisses Blatt Papier. Reflektiere dann

  • die Situation, dein Erlebnis und deine Wahrnehmung
  • dein Verhalten und deine Reaktion
  • deine Gedanken und Gefühle

Und auch zur Ursachenfindung kannst du die Fragetechnik nutzen:

Warum ist dieses Gefühl da? Was ist die Ursache des Gefühls? usw.

Abgrenzen II: Gewaltfreie Kommunikation

Wenn du dir deiner Gefühle bewusst bist, hilft dir das dabei, dich besser abzugrenzen. Mit besser meine ich gewaltfrei. Gewaltfrei abgrenzen heißt

  • ohne emotional zu reagieren und den anderen zu verletzen.
  • ohne zu schreien oder zu schlagen.
  • ohne neuen Zündstoff in die Welt zu tragen.

Das geht z. B. mit Gewaltfreier Kommunikation nach Rosenberg in nur vier Schritten:

  1. Beobachtung: Du beschreibst deinem Gegenüber neutral die Situation, die du als Grenzübertritt empfunden hast. Diese Beschreibung ist frei von deinen Urteilen, Wertungen und Gefühlen.
  2. Gefühl: Du erzählst deinem Gegenüber, wie du dich fühlst.
  3. Bedürfnis: Du artikulierst dein Bedürfnis und begründest es. Du sagst, wie du dich fühlen würdest, wenn sich dein Wunsch erfüllt.
  4. Bitte: Du formulierst deine Bitte. Und zwar so, dass dein Gegenüber die Möglichkeit hat, sie abzulehnen. Also ohne ein Ultimatum zu stellen. Ohne zu drohen. Ohne „Wenn nicht, dann…“ .

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Die Gewaltfreie Kommunikation braucht eine gewisse Übung!

Sei in jedem Fall mutig. Vertrete selbstbewusst deine Ansicht. Und habe dabei Mitgefühl und Verständnis für den anderen.

Hier ein Beispiel für gewaltfreie Kommunikation:

Ich habe gesehen, dass Du von den Tomaten genommen hast, die ich für das Abendessen eingekauft habe. Das macht mich wütend. Ich möchte nicht extra wegen ein paar Tomaten noch mal in den Bioladen. Das würde mich zu viel Zeit kosten. Wenn alle Zutaten da sind, kann ich in Ruhe und ohne Stress kochen. Kannst du mich bitte das nächste Mal fragen, ob ich ein oder zwei Tomaten entbehren kann?

Zusammenfassung

Im Alltag kommt es ab und zu vor, dass andere Menschen unsere Grenzen übertreten. Oft fühlen wir uns dann „schlecht“ – das sind emotionale Schmerzen. Wir neigen dazu, diese auf den anderen Menschen zu projizieren. Frei nach dem Motto: „Du bist schuld, dass ich mich schlecht fühle“.

Doch das schlechte Gefühl ist nur Zeichen für den inneren Konflikt. Und der war schon vorher da. Wir können deshalb die Situationen, in denen wir uns von anderen verletzt fühlen, zur persönlichen Weiterentwicklung nutzen.

Trotzdem hast du das Recht, dich gegen Angriffe zu wehren. Am besten machst du das möglichst gewaltfrei und spontan. Probiere es am besten bei nächster Gelegenheit aus.

Mich interessiert: Übertreten Menschen oft deine Grenzen? Wie fühlst du dich dann?