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Durch Achtsam Sein (fast) nebenbei ruhiger und gelassener werden

Achtsam Sein

Ach ne. Heute nicht. Heute hab ich keine Zeit zu meditieren.

Um Viertel vor Neun fängt das Spiel an. Außerdem ist keine Milch mehr da. Das heißt, ich muss vorher noch einkaufen. Und Uni geht ja bis um halb Acht. Das schaff ich also nicht mehr. Und sowieso habe ich letzten Sonntag meditiert. Man kann es ja auch übertreiben. Oder?

Kommt dir das bekannt vor?

Mir schon. Ich kenne solche Ausreden nur allzu gut. Von früher. Mittlerweile hat sich das stark „gebessert“. Die Uni hab ich hinter mir. Ich trinke keine Milch mehr und schaue kaum noch Fußball. Es gibt wichtigere Dinge im Leben. Meditieren gehört ganz sicher dazu. Allerdings ist es immer noch so, dass ich manchmal eine Ausrede parat habe und das meditieren sein lasse.

Ein Grund dafür ist auch:

Ich mag es, Dinge miteinander zu erledigen. Ich mag es, Synergien zu schaffen. Oder zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ich finde, das ist effizient. Und irgendetwas in mir mag Effizienz.

In Zeiten des Multitasking ist das ja eigentlich selbstverständlich. Ich meine: Jeder tut doch dauernd Dinge nebenbei.

Telefonieren beim Gehen, Reden und Kaffeetrinken, Zeitung lesen und Frühstücken, usw. Und ich gebs zu: Ich nehme manchmal ein basisches Fußbad, während ich esse.

Und deshalb fasziniert mich Achtsamkeit im Alltag oder einfach Achtsam Sein. Denn das bedeutet quasi, nebenbei zu meditieren. Und das geht bei fast allem, was auch du im Alltag tust:

Beim Zähneputzen, beim Spaghetti kochen, in der U-Bahn, beim Arbeiten, in der Mathe-Vorlesung, in der Supermarktschlange und auch im Gespräch mit deinem Lernpartner.

In diesem Artikel erkläre ich dir

  • was Achtsam Sein bedeutet und was es nicht ist.
  • konkret, wie und bei was du im Alltag Achtsam Sein kannst.
  • was es dir bringt, wenn du achtsam bist.

Was denkst du: Was bedeutet Achtsam Sein?

Wenn dir jetzt dieser Satz aus Kindertagen in den Ohren klingt

„Gib Acht, wenn du über die Straße läufst!“

– Dann liegst du falsch! Achtsam Sein hat nichts damit zu tun, besonders vorsichtig zu sein oder auf „etwas acht zu geben“.

„Gib acht“ bedeutet so viel wie „sei vorsichtig“. Dadurch bekommt es für meine Ohren einen negativen Beiklang. Denn hinter diesem „gib acht“ steckt im Prinzip eine Angst. Sagt eine Mutter ihrem Kind „Gib Acht, wenn du über die Straße läufst!“ hat sie vor allem Angst davor, dass etwas passieren könnte. Und zwar etwas, dass sie als negativ bewertet. Also ein Unfall oder ein Unglück. Weil solch ein Ereignis bei ihr negative Gefühle auslösen würde.

Vergiss also die Angst deiner Mutter, wenn du den Begriff achtsam hörst. Und vergiss die (ungefähr) 411.576 nervenden Warnungen aus Kindertagen. Die dich ermahnt haben, Acht zu geben, dass du…

  • dir beim spielen draußen im Winter keine kalten Füße holst.
  • auf der Klassenfahrt nach Amsterdam nicht zuviel Bier trinkst.
  • beim ersten Mal mit Sonja an die Verhütung denkst.

Denn Achtsam Sein kommt nicht aus einer Angst heraus. Es ist neutral und wertfrei. Achtsam Sein bedeutet schlicht und einfach, seine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten. Anstatt „Achtsamkeit“ könnte man die Begriffe „Bewusstheit“ oder „gerichtete Aufmerksamkeit“ verwenden.

Achtsam Sein und sich daran erinnern

Im Prinzip kannst du alles, was du tust, achtsam tun. Es gibt jedoch drei klassische Tätigkeiten:

Alle drei Tätigkeiten eignen sich besonders, um anzufangen. Außerdem sind es Dinge, die einen großen Zeitraum im Leben eines jeden Menschen einnehmen und die einfach jeder tut. Deshalb nenne ich diese drei auch die „klassischen“ Tätigkeiten.

Daneben gibt es andere Verrichtungen, die sich ebenfalls sehr gut eignen und die ich selbst sehr oft nutze:

  • arbeiten im Haushalt wie kochen, spülen, abtrocknen, staubsaugen, etc.
  • Körperpflege wie duschen, Zähne putzen, kämmen, usw.

Außerdem nutze ich Anker im Alltag. Sie helfen mir, mich an das Achtsam Sein zu erinnern. Nehme ich einen Anker wahr, halte ich für einen kurzen Moment inne. Auch du kannst das

  • Wenn du eine Treppe hochgehst, eine Tür schließt, ein Licht anknipst.
  • Wenn du eine Uhr schlagen, eine Toilettenspülung rauschen, einen Vogel zwitschern hörst.
  • Wenn dein Telefon klingelt, es an deine Tür klopft, dich jemand anspricht.

Danach bin ich wieder bei mir. Bei der Tätigkeit und beim Achtsam Sein.

So geht Achtsam Sein im Detail

Ich erkläre dir jetzt ganz konkret, wie du Achtsam Sein kannst und dabei vorgehst.

Du könntest dir natürlich z. B. einfach nur sagen: „Ich putze mir jetzt ganz achtsam und bewusst die Zähne.“ Und es hilft dir natürlich beim Achtsam Sein, wenn du dir das vornimmst.

Aber innerhalb der Tätigkeit Zähneputzen brauchst du noch ein Objekt, auf das du deine Aufmerksamkeit richten kannst. Beim Zähneputzen kann dieses Objekt beispielsweise sein:

  • der Geschmack der Zahnpasta
  • der Druck der Bürste auf die Zähne oder das Zahnfleisch
  • die Bewegungen deiner Hand, die die Zahnbürste führt
  • die Wahrnehmung des sich im Mund langsam sammelnden Speichels
  • der Rhythmus des Putzens
  • das Schrubbgeräusch
  • usw.

Wenn du dir dein Objekt gewählt hast, fokussierst du dich darauf. Und bleibst während der ganzen Tätigkeit bei diesem Objekt.

Wenn du 3 Minuten putzt, fokussierst du dich also z. B. die ganzen 3 Minuten auf den Druck, den der Bürstenkopf auf die Zähne verursacht. Wie er sich ändert, wie stark oder schwach du ihn empfindest, usw. Es geht nicht darum, darüber nachzudenken. Sondern nur darum, den Druck wahrzunehmen.

Wenn Gedanken oder Gefühle auftauchen, nimmst du sie wahr – und lässt sie einfach wieder fallen. Konzentriere dich immer wieder aufs Neue auf den Druck. Spüre ihn. Aber bewerte ihn nicht. Wenn er sich z. B. unangenehm anfühlt: Denke auch darüber nicht nach. Denk nicht nach, ob du vielleicht zu stark drückst. Fühle nur und reduziere aus dem Gefühl heraus den Druck.

Nach dem Zähneputzen kannst du kurz Innehalten und in dich hinein horchen. Frage dich dabei:

Wie geht es mir? Bin ich ruhig? Entspannt? Im Hier und Jetzt? Wie war es vor dem Zähneputzen?

Denn: Du hast gerade eine Mini-Meditation gemacht! Und dabei immerhin 3 Minuten ohne Denken verbracht.

Das ist Achtsamkeit wirklich

Nichts anderes als eine kleine Meditation ist Achtsam Sein nämlich eigentlich.

Achtsam Sein ist eine Mini-Meditation

Denn Achtsamkeit ist eine Vorstufe der Konzentration. Das heißt, ohne Achtsamkeit gibt es keine Konzentration.

Und genau diese Konzentration ist wiederum in der Meditation erforderlich. Und zwar sowohl um zu Beginn zur Ruhe zu kommen und zu entspannen als auch um im weiteren Verlauf in tiefere meditative Zustände zu gelangen. In diesen Zuständen erlangt man dann die erhofften Einsichten.

Auf Achtsamkeit folgt Konzentration folgt Einsicht

Deshalb haben Achtsamkeitsübungen in fernöstlichen spirituellen Traditionen wie dem Buddhismus seit Jahrtausenden ihren festen Platz. Sie werden dort nicht nur regelmäßig praktiziert, sondern sind im Alltag allgegenwärtig.

Das bringt dir Achtsam Sein

Wie eine „richtige“ Meditation nutzt dir Achtsam Sein um die Gedanken unter Kontrolle zu bringen und aus dem sich drehenden Gedankenkarussell auszusteigen. Dadurch

  • gewinnst du Ruhe und Gelassenheit.
  • kannst leichter entspannen.
  • bist weniger hektisch und seltener nervös.
  • wirst du mit der Zeit die Dinge besser machen.

Deine Zähne werden also gesünder. Weil du sie sauberer putzt.

Außerdem bist du präsenter. Du schweifst nicht mehr dauernd in die Vergangenheit oder die Zukunft ab. Bist viel weniger mit planen beschäftigt. Oder mit erinnern an das, was war. Somit öffnest du dich für die Intuition und wirst damit kreativer.

Des Weiteren stärkst du deine Konzentrationsfähigkeit. Denn du übst regelmäßig, deine Aufmerksamkeit auf etwas zu konzentrieren. Das bringt dir auch etwas in der Physik-Vorlesung, beim Lernen auf die Diplomprüfung oder wenn du für deine Thesis recherchierst.

Zusammenfassung

Achtsam Sein heißt nicht: „Pass auf – es könnte irgendwas passieren!“

Sondern es bedeutet nur, seine Aufmerksamkeit innerhalb einer Tätigkeit auf ein bestimmtes Objekt zu richten. Wie beispielsweise auf den Luftzug, der in deine Nasenlöcher einströmt, wenn du atmest.

Durch Achtsam Sein im Alltag kannst du deine Gedanken und Gefühle besser kontrollieren lernen. Dadurch wirst du mit der Zeit ruhiger, entspannter und gelassener.

Achtsam Sein ist im Prinzip eine Mini-Meditation, die du nebenher und jederzeit ausführen kannst. So meditierst du ohne zusätzlichen Zeitaufwand.

Teste es und erzähl mir: Bei welcher Tätigkeit fällt es dir am leichtesten, achtsam zu sein?

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